30. Mai 2026 — Fertigteilbau

Mit dem Turmfest Ende Mai 2026 wurde der Wiederaufbau des Glockenturms der St. Johanniskirche in Ellrich feierlich abgeschlossen. Für HABAU Deutschland war es eine besondere Aufgabe, an diesem regional bedeutenden Projekt mitzuwirken.

Aus diesem Anlass sprachen wir mit dem verantwortlichen Architekten Peter Tandler von SMITS + TANDLER über die Entwurfsidee, die Herausforderungen des Wiederaufbaus und die Zusammenarbeit bei der Realisierung.

Herr Tandler, wie sind Sie auf HABAU Deutschland aufmerksam geworden?

Wir haben im März 2022 den Bezug zu einem regionalen Unternehmen mit entsprechender Erfahrung im Betonbau, das heißt sowohl im Fertigteilbau als auch im Ortbetonbau gesucht. Nach unseren Recherchen und dem ersten Kontakt mit der HABAU im Werk in Heringen hat sich eine intensive und konstruktive Zusammenarbeit entwickelt.

Die HABAU Deutschland war sofort bereit, das Material und Gestaltungskonzept anhand von Modellen und Musteroberflächen umzusetzen.

Unser Ziel war es, vorhandene Ressourcen der Region zu nutzen – das heißt die Erfahrungen und Kenntnisse als auch lokal vorhandene Kiese und Sande.

Wie haben Sie es geschafft, historische Bezüge zu wahren und gleichzeitig eine zeitgemäße Architektur zu schaffen?

Die Entwurfsidee zum Turm basiert auf der konsequenten Fortführung des städtebaulichen und architektonischen Wiederaufbauprinzips, das am zerstörten Kirchengebäude nach 1990 begann und nun mit dem Bau des Turmes in seiner historischen Kubatur zur Wiederherstellung des Gesamtensembles Stadtkirche St. Johannis abgeschlossen wurde.

Das neue Westportal mit seiner großflächigen Verglasung und einem zentralen, frei stehenden Türelement ist Ausdruck der neuen Nutzung und nimmt Bezug auf die in direkter Fortsetzung vorhandenen gotischen Türöffnungen des mittelalterlichen östlichen Turmmauerwerks zum Kirchenraum.

Die vertikale Fuge in der Westfassade des Turmes, beginnend über dem Türportal, über das Dach umlaufend und in der Ostfassade über dem Kirchenschiff endend, thematisiert die wechselvolle Geschichte von Trennung und Zusammengehörigkeit und führt zu einem von Licht- und Blickbeziehungen spannungsvollen Wechsel zwischen Innen- und Außenraum und zwischen Sakralraum Kirche und Veranstaltungsraum Turm.

Was war die größte planerische Herausforderung – statisch, gestalterisch oder im Dialog mit der Bausubstanz?

Viele Bürger der Stadt Ellrich verbinden unterschiedlichste Emotionen mit dieser Kirche – Zerstörung und Trauer, aber auch Wiederaufbau und Hoffnung.

Die Architektur nutzt bewusst das Prinzip der Fuge und der Überlagerung von unterschiedlichen Schichten, um den Dialog zwischen Alt und Neu erlebbar werden zu lassen, um Besucher zum Nachdenken anzuregen und sich mit dem Ort auseinanderzusetzen.

Der Entwurf schafft die notwendigen architektonischen und räumlichen Voraussetzungen für die Realisierung des nachhaltigen Nutzungskonzeptes für ein Tourismuszentrum mit Aussichtsturm mit regionaler und überregionaler Bedeutung.

Gab es Gestaltungselemente, bei denen Sie besonders stolz auf die Lösung sind?

Die Oberflächen der Fertigteil-Sichtbeton-Fassadenelemente passen sich in ihrer Gestaltung dem Bestandsmauerwerk der Kirche an, in dem Farbigkeit und Rauigkeit gesondert bearbeitet und thematisiert werden.

Die Fassadenflächen werden durch ein spezielles Waschverfahren nach dem Betonieren aufgeraut. Der Farbton entspricht weitgehend dem vorhandenen grau-braunen Natursteinfarbton des historischen Natursteinmauerwerks der Stadtkirche.

Durch plattenförmige Vor- und Rücksprünge des Sichtbetons auf der Außenseite des neuen Turmschafts entsteht eine reliefartige Oberflächenstruktur, die Bezug nimmt auf die vorangegangenen Bau- und Zeitschichten der Stadtkirche und interpretiert dieses Thema in zeitgemäßer Material- und Formensprache neu.

Die zahlreichen geschichtlichen und baulichen Brüche durch Zerstörung und Wiederaufbau sind am historischen Natursteinmauerwerk der mittelalterlichen Turmreste noch sichtbar und setzen sich im neu errichtenden Turmschaft durch eine partielle Überlagerung der neuen Wandelemente und der ehemaligen Fassadenöffnungen fort.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit HABAU Deutschland?

Die HABAU Deutschland hat mit großem Engagement und ihrem Spezialwissen von Beginn an auf die besonderen konstruktiven und technologischen Herausforderungen reagiert.

Beeindruckend für uns Architekten war die hohe Genauigkeit zur Herstellung der komplizierten Geometrie und der anspruchsvollen Oberfläche der Fertigteile im Betonwerk in Heringen. Im Prinzip wurde der Turm vor Ort wie im Möbelbau zusammengefügt. Voraussetzung dafür war ein sehr hoher planerischer und organisatorischer Aufwand und Vorlauf sowie ein kompetentes, hoch motiviertes Team von Betonfachleuchten, Statikern und Architekten.

Wenn Sie die neuen Türme in einem Satz beschreiben müssten – wie würde er lauten?

Der Turm ist von großer architektonischer und identitätsstiftender Symbolkraft, die sich aus der wechselvollen Geschichte begründet und den Bürgern Mut und Zuversicht für die Zukunft vermitteln wird.

Herr Tandler, wir danken Ihnen für das Gespräch, Ihr Vertrauen und die sehr gute Zusammenarbeit. Und die Ellricher Bürgerinnen und Bürger sowie den Kirchenbauverein Ellrich beglückwünschen wir zu ihrer Entschlossenheit, ihrem Engagement und Durchhaltewillen.

Auf dass die Glocken der St. Johanniskirche läuten!

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